Die schwarze Zukunft
Es ist Montag, der 6. Juni 2010, 5 Uhr morgens.
Der fernausgelöste Arbeitskraftwecker seiner Firma reißt Günter R.
(47) aus dem Schlaf,
und der GEZ-pflichtige MP3-Oldie-Player spielt preisgünstiges Modern
Talking gedudel.
Herr R. quält sich aus dem Matrazenlager. Gestern ist es schon sehr
spät geworden bei der Maloche.
Sonder-Schichtdienst am Pfingstsonntag - mal wieder.
Früher konnte er danach wenigstens ausschlafen.
"Ja, ja, der Pfingstmontag", murmelt Herr R., "ist das wirklich erst
vier Jahre her?"
Es hat sich wirklich einiges getan seit damals, als allen eingeredet
wurde, es müsse sich was ändern.
Nur nicht in seinem Haus. Als 2006 die Eigenheimzulage sofort
gestrichen wurde, mussten sie halt noch mehr Abstriche machen.
Und inzwischen hat sich Familie R. an noch viel mehr gewöhnt.
An die frei liegenden Leitungen, die alte Holzleiter ins Dach, den
halben Keller und den Betonfußboden.
Immerhin haben sie bis jetzt alle Fensterlöcher dicht bekommen, nur
die regelmäßigen Stromsperren wegen den günstigeren Nachttarifen
nerven ab und zu. Strom tagsüber ist nur in erster Linie für Firmen
und alle steuergeförderte Betriebe, nicht für Privat.
Und erst die Pleite mit der Wasserversorgung, als der Betrug mit dem
Cross-Border-Leasing rückabgewickelt werden musste. Als die
vollprivatisierten Wasserversorger alle Kosten leider auf die
Kundschaft abwälzen mussten.
Seither gibt es drei Wasserqualitäten.
So benutzt Familie R. ausgiebig Dachwasser in den Regentonnen
gesammelt, da das bedenkenlos trinkbare Premium-High-Quality
Super-Liquid-Wonder-Water 10 EUR für 8 Liter kostet.
Und nicht aus der Leitung kommt.
Sprudel und Mineralwasser ist an Feiertagen ein besonderer Genuss wie
früher Champagner und Sekt.
Gut, denkt Herr R., dass damals die Garage auch erst halb fertig war.
Denn der Wagen ist längst verkauft.
Zu teuer, seit es keine Kilometerpauschale mehr gibt, das Benzin 4,98
EUR pro Liter kostet und Toll-Collect zusammen mit allen
Citi-Maut-Betreibern, die aus dem ADAC entstanden waren, die weniger
gewordenen Autofahrer mit erhöhten Gebüren belasten mussten.
Da sind halt auch überall die 30% MwSt. dabei.
Und mit Bus und Bahn dauert es zum Arbeitseinsatz ja auch nur zwei
Stunden; einfach.
Solange er dort zugewiesen bleibt.
Manche Kollegen durften schon für ein halbes Jahr nach Portugal oder
in die Ost-Ukraine.
Zeitung lesen ist fast auch ein Luxus geworden, wenn man nicht nur
das Werbefinanzierte ALDi-LIDl-BILD Schmierblatt für 3,50 haben will.
Und vor allem wie viele Leute man trifft. Zum Beispiel die einarmige
Blondine, die Herrn R. manchmal nett anlächelt.
Obwohl es eigentlich längst nichts mehr zu lächeln gibt. Typischer
Arbeitsunfall, auch an allen Sicherheitskosten wurde gespart. Wegen
dem hohen Wettbewerb und den immensen Lohnnebenkosten müssen alle
Opfer bringen, auch gesundheitlich.
Teure Maschinen werden nicht in rauhen Umgebungen eingesetzt, wegen
den Wartungskosten.
China hatte es allen vorgemacht wie das mit den Wanderarbeitern
preiswert und billig umgesetzt werden kann.
Zurücklächeln mag er nicht. So grinst er immer nur verlegen. Wegen
seiner fehlenden Zähne.
Aber was will er machen? 5000 Euro für zwei Kronen sind viel Geld.
Die überstürzt eingeführte Kopfpauschale hat sich, wie so vieles
andere, als nicht für alle finanzierbar herausgestellt.
Und wieder einmal mussten die Arbeitgeber von allen Kosten entlastet
werden.
Jetzt ruhen die letzten Sozialleistungen voll auf den Schultern aller
Arbeitnehmer.
Und auch die Brille musste er selbst bezahlen.
Hat dabei aber 50 Euro gespart, weil er nicht gleich zum Augen-,
sondern erst zum Hausarzt gegangen ist.
Wegen der Überweisung.
Trotz allem knausern: Der nächste Kurz-Urlaub fällt flach. "Das
könnte Ärger geben zu Hause",stöhnt Herr R. vor sich hin.
Traurig erinnert er sich an die letzten Weihnachten. Als es nichts
gab. 2007 wurde nämlich auch in den wachsenden Wirtschaftsbereichen
das Weihnachtsgeld und die Weihnachtsfeiertage gestrichen.
Im öffentlichen Dienst ist das ja schon länger her.
"Und bis wann gab's eigentlich Urlaubsgeld?", fragt sich Herr R., er
kann sich nicht mehr erinnern.
Damals hatte man jedenfalls noch soviel Urlaub, um das Urlaubsgeld zu
verprassen.
Heute sind's ja höchstens mal 12 Tage im Jahr. Also genau 2 Wochen.
Aber nur wenn es keinen Arbeiterrat gibt, sonst sind gleich wegen
Arbeiterrechtewahrnehmung 6 Tage weg.
Ostermontag? Pfingstmontag? 1. Mai? Himmelfahrt? 3. Oktober?
Geschichte.
Das stand irgend wann auf der Agenda 2012 . - so hieß sie doch
irgendwann, oder?
Die nächsten staatlich zugelassenen Wahlen finden sowieso erst wieder
in 8 Jahren statt.
Dann zeigt er es aber denen da oben so richtig und wird wieder einmal
trotzig die anderen wählen.
Auch diesmal wieder ohne nachzudenken.
Nur aus dem Gefühl heraus.
Aber man darf nicht meckern.
Jetzt sowieso nicht mehr.
Die da oben, wird immer behauptet, müssen noch viel mehr ackern.
Und wer meckert statt ackert, ändert damit sowieso nichts, sondern
fliegt sofort raus.
Darum kann Günther R. mit der 52-Stunden-Woche auch ganz gut leben.
Er hat auch keine andere Wahl. Seit der letzte Kündigungsschutz auch
in allen großen Betrieben abgeschafft wurde, darf es sich keiner mehr
mit den Arbeitszuteilern verscherzen.
Wer will sich schon einreihen in das Heer von 9,8 Millionen
Arbeitsunwürdigen?
Oder um einen der hart umkämpften 1-Euro Job mit den
zweihundertfünfzig anderen Bewerbern rangeln?
Alles was mit Bildung zu tun hat, kann sich jetzt auch nur die
Oberschicht leisten.
Er kann froh sein wenn seine Kinder alle arbeitsverwertbaren
Grundfertigkeiten in der 6-Jährigen Tastaturen- und
Maschinenbedienlernanstalt mitbekommen.
Früher hieß das Grund- und Hauptschule.
Für Abitur und Studium wäre erst ein fetter Lottogewinn zur
Finanzierung erforderlich, aber man hatte ja nur allzu leicht
geglaubt Privatisierung und Eliteförderung wäre irgendwie was gutes.
Hat ja auch gestimmt, für alle Leute ab 6-stelligem Jahreseinkommen.
Aber den alten Feiertagszuschlag für den Dienst an Pfingsten vermisst
er immer noch.
Sonntagszuschläge wurden sowieso schon lange als
Kirchensteuerentwicklungshilfe umgewidmet.
Was soll's, in 28 Jahren, dann wird er 75 , hat es Herr R. hinter
sich.
So üppig wird das vorgezogene Sterbegeld wie jetzt die Rente genannt
wird, zwar nicht ausfallen, wenn das mit den Nullrunden weitergeht
und er demnächst doch rausfliegt.
Dann bekommt er gleich nur die Nutzlose-Rentner-Kopfpauschale.
Reicht für 1 Mahlzeit am Tag, im Monat 4 mal Duschen in der
öffentlichen Badeanstalt und im Winter für 28 Tage Heizung.
Er hat vorsorglich in der halben Garage und im trockenen Bereich des
Kellers schon mal Holzreste gebunkert.
Doch wer weiß: Vielleicht bringt ihn glücklicherweise das Rauchen
vorher um.
Obwohl er nur noch sehr wenig qualmen kann, seit die Schachtel 12
Euro kostet.
Aber heute, auf den letzten Metern zum Fliessband, steckt Günter R.
sich trotzdem eine an,
raucht sie wieder nur halb und hebt den Rest für den Feierabend auf.
Totsaufen können sich auch nur die verzogenen Rüpel aus der
Oberschicht.
Die mit ausreichend viel Taschengeld für die exklusiven Alkopops.
Und alle anderen Drogen sind strengstens überwacht unerschwinglich
und reglementiert.
George Orwell hätte seinen Roman nur geringfügig ändern müssen,
ansonsten lag er nicht weit daneben.
Dieses e-Mail geht momentan durch Deutschland, warum braucht keiner
zu fragen.
Schick auch Du sie jetzt schnell weiter...kostet ja nix...NOCH nix!
... und ab den Septemberwahlen werden solche e-Mails sowieso
gefiltert, gespeichert und verboten!
akkersalat im Telepolis-Forum am 18.7.05
Freitag, Juli 22, 2005
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